Interview mit Dr. Katharina Leemann: Wie bewährte Didaktik und moderne KI den Rechtschreibunterricht verändern

09 October, 2025
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Dieses Interview zeigt eindrücklich, wie sich bewährte didaktische Konzepte mit moderner KI verbinden lassen, um Rechtschreibförderung effizienter, fairer und nachhaltiger zu gestalten – für Kinder, Lehrpersonen und Schulen insgesamt.

Über Dr. Katharina Leemann

Dr. Katharina Leemann ist Psychologin, Expertin für Sonderpädagogik und Autorin mit jahrzehntelanger Erfahrung in den Bereichen Lese- und Schreibförderung sowie Psychotherapie. Nach ihrem Studium der Psychologie, Sonderpädagogik und Pädagogik an der Universität Zürich veröffentlichte sie den einflussreichen Lehrgang Grundbausteine der Rechtschreibung, der bis heute erfolgreich an Schulen eingesetzt wird. Über mehr als 35 Jahre arbeitete sie mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ausgeprägten Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten und war daneben in Lehre und Forschung an verschiedenen Schweizer Institutionen tätig. Seit 2019 ist sie Autorin des digitalen Rechtschreibprogramms Grafari bei Constructor (ehemals Dybuster AG), das 2023 mit dem renommierten Worlddidac Award ausgezeichnet wurde.

Katerina

Didaktik: Brücken zwischen Grundlagen und KI

Frau Leemann, Ihr Lehrgang Grundbausteine der Rechtschreibung ist seit über 25 Jahren erfolgreich. Worin liegt das Geheimnis dieses Erfolges? Das erstaunt und freut mich selbst immer wieder. Der Ansatz ist einzigartig in seinem hierarchisch-logischen Aufbau. Das Wissen wird schrittweise aufgebaut und der Schreibwortschatz entspricht konsequent dem jeweiligen Wissensstand. Und, Rechtschreibregeln werden nicht isoliert vermittelt, sondern immer bezogen auf das Grundmorphem definiert. Dadurch wird das Sprachsystem greifbar. Zudem wurde der Lehrgang evaluiert und seine Wirksamkeit wissenschaftlich bestätigt. Als ein neues Deutschlehrmittel erschien, vermutete man zunächst, die Grundbausteine würden an Bedeutung verlieren. Doch das Gegenteil war der Fall –die Relevanz ist ungebrochen.

Warum tun wir uns im deutschsprachigen Raum dennoch oft schwer mit der Rechtschreibung? Es gibt nach wie vor kein klar definiertes „Zeitfenster“, das festlegt, was Schülerinnen und Schüler in welchem Alter verbindlich beherrschen müssen. Genau hier setzt Grafari an: Es schafft ein fixes Raster, das Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Verbindlichkeit herstellt – und damit die Grundlage für erfolgreiche Förderung.

Wie greifen die Grundbausteine der Rechtschreibung und Grafari ineinander? Die Grundbausteine sind das didaktische Fundament. Grafari führt zunächst in die Phonem-Graphem-Korrespondenzen und das lauttreue Schreiben ein, baut dann auf dieses Fundament auf und automatisiert die Lernprozesse, was die Lehrpersonen massiv entlastet. Während die Grundbausteine die Logik vermitteln, bietet Grafari ein Vielfaches an Übungsmaterial und sorgt für Qualitätssicherung. Es übernimmt, was keine Lehrperson in dieser Konsequenz leisten kann: die kontinuierliche, individuelle Begleitung jedes einzelnen Kindes.

Was ist der entscheidende Unterschied zwischen klassischem Üben und KI-gestütztem Lernen? Grafari ist der aufmerksamste Lernbeobachter. Es macht Lernen effizienter, personalisierter und stellt sicher, dass Kinder ihre Ziele erreichen – auf unterschiedlichen Wegen, aber mit klar definiertem Schreibwortschatz entsprechend des aktuellen Wissenstands. Dieser wird für Lehrpersonen transparent und dient als Grundlage für gezielte Förderung. In Kombination mit dem Schreiblabor gelingt zudem der Transfer ins freie Schreiben.

Zur Rolle der Lehrperson

Wie kann Grafari Lehrpersonen im Alltag entlasten? Die Rolle der Lehrperson verändert sich grundlegend: Statt Wissen mühsam Schritt für Schritt zu vermitteln, können sie ihre Energie darauf verwenden, dass das Gelernte verstanden und auch konsequent angewendet wird. Lehrpersonen werden zu Begleiterinnen und Begleitern, die Sprachbewusstsein fördern und sicherstellen, dass Rechtschreibung als Werkzeug genutzt wird. Ein häufiges Problem ist, dass der tatsächliche Könnensstand eines Kindes oft unklar bleibt. Grafari schafft hier dank des hierarchisch gestuften Aufbaus Transparenz und ermöglicht es Lehrpersonen, Kinder gezielt zu unterstützen. KI kann Inhalte strukturieren – doch die pädagogische Arbeit, die Motivation und die Begleitung kreativer Prozesse bleiben Aufgabe der Lehrperson. Das ist entlastend, motivierend und schafft Raum für eine aktive Unterrichtsentwicklung.
Wo sehen Sie die Grenzen von KI – und wie wichtig bleibt die pädagogische Ergänzung? KI kann Lernprozesse begleiten und individualisieren. Aber sie ersetzt nicht die Beziehungsebene. Lehrpersonen bleiben unverzichtbar, um Motivation zu fördern, Sprachkultur zu vermitteln und den Transfer in reale Kommunikationssituationen zu sichern.

Aus der Lernperspektive der Kinder

Welche Vorteile haben Kinder durch das Zusammenspiel von Grafari und dem Schreiblabor? Das ist ein echter Paradigmenwechsel: Kinder werden nur dort beurteilt, wo sie über das nötige Wissen verfügen und sie so eine echte Chance haben, erfolgreich zu sein. Fehler sind dann wirkliche Lernfehler – nicht Ausdruck eines Defizits. Das ist fair, entlastend und hoch motivierend. So entsteht Anstrengungsbereitschaft: Wenn ich weiss, dass nur bewertet wird, was ich wirklich schon kann, macht Rechtschreiben Sinn und Freude.

Wie erleben Kinder KI-gestütztes Lernen - als Motivation oder als Hürde? Sehr motivierend. Kinder bauen eine solide Basis auf, die es ihnen überhaupt erst ermöglicht, Korrektur- und Überarbeitungsinstrumente sinnvoll zu nutzen. KI wird nicht als Konkurrenz, sondern als hilfreicher Partner erlebt.

Zur Vision

Wohin entwickelt sich das Schreibenlernen in den nächsten fünf bis zehn Jahren? Kinder brauchen eine solide Grundbasis, damit künftige KI-Programme überhaupt greifen können. Handschrift und manuelles Schreiben bleiben unverzichtbare Kulturtechniken – auch im Falle technischer Ausfälle. Gleichzeitig eröffnet KI enorme Chancen: Kinder erwerben Kompetenzen schneller und nachhaltiger, bleiben aber dennoch unabhängig genug, um Sprache auch ohne digitale Hilfsmittel zu beherrschen. Gerade im Bildungsbereich wird heute viel über Sicherheit und Resilienz gesprochen. Wir investieren in Backup-Systeme und Katastrophenschutz, um im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. Dasselbe gilt für die Sprache: Wenn KI unsere Sprachfähigkeit vollständig ersetzt, werden wir abhängig und im Krisenfall hilflos. Es ist daher eine pädagogische Verpflichtung, die Grundfertigkeiten der Sprache unabhängig von technischen Systemen zu sichern.

 

Welche Rolle sollte KI langfristig in der Sprachförderung spielen? KI soll elementare Kulturtechniken und Basiswissen nicht ersetzen, sondern deren Erwerb effizienter und individueller machen. Sie kann Lernprozesse personalisieren, Fortschritte sichtbar machen und Lehrpersonen wie Kinder unterstützen. Doch das Fundament bleibt unantastbar: Sprache ist und bleibt eine Kulturtechnik, die Menschen prägt und verbindet.