Fabian Graf erklärt, warum Schaffhausen Calcularis, Grafari und Schreiblabor im Unterricht erprobt und wie der kantonal begleitete Pilot angelegt ist.
Fabian Graf
Der Kanton Schaffhausen startet gemeinsam mit Constructor Tech ein Pilotprojekt mit Calcularis, Grafari und Schreiblabor. Mehrere Klassen erproben die adaptiven Lernprogramme über einen längeren Zeitraum im Unterricht. Fabian Graf vom kantonalen ICT-Support (KPICTS) begleitet das Projekt auf Seiten des Kantons.
Im Gespräch erklärt er, weshalb der Kanton trotz dezentraler Beschaffung die Initiative ergreift, warum adaptives Lernen besonders interessiert – und weshalb ein Pilot nicht einfach nach einigen Monaten enden sollte.
"Wir wollen herausfinden, welchen Mehrwert digitale Lernprogramme wirklich bieten."

Der Kanton bündelt Erfahrungen und Abklärungen
Fabian, im Kanton Schaffhausen sind grundsätzlich die Gemeinden beziehungsweise Schulträger für die Beschaffung von Lehrmitteln und digitalen Lernprogrammen zuständig. Warum engagiert sich der Kanton trotzdem bei einem solchen Pilotprojekt?
Für klassische obligatorische und empfohlene Lehrmittel haben wir kantonale Strukturen und eine Lehrmittelkommission. Bei reiner Lernsoftware gibt es hingegen keine zentrale Beschaffung. Gleichzeitig stellt sich mit der zunehmenden Digitalisierung immer stärker die Frage: Was ist heute überhaupt ein Lehrmittel? Und welche Rolle spielen digitale Lernprogramme darin?
Wir möchten deshalb Erfahrungen sammeln und herausfinden, welche Möglichkeiten digitale Lernprogramme bieten – gerade dort, wo sie mehr leisten als klassische Lehrmittel mit digitalen Ergänzungen.
Wäre aus deiner Sicht eine stärkere kantonale Koordination digitaler Lernprogramme sinnvoll?
Das ist durchaus eine Überlegung. Ein konkretes Beispiel ist der Datenschutz. Es ist wenig effizient, wenn jede einzelne Gemeinde für dasselbe digitale Tool die gleichen Abklärungen durchführen muss. Hier könnte der Kanton gewisse Lösungen prüfen und den Schulen damit eine Orientierung bieten, ohne ihnen zwingend die Wahlfreiheit zu nehmen.
Ähnliches gilt für die pädagogische Qualität. Wenn jede Schule ein Produkt für sich allein ausprobiert und evaluiert, entsteht viel paralleler Aufwand. Bei einem kantonal begleiteten Pilotprojekt entsteht dagegen Wissen, das anschliessend im ganzen Kanton genutzt werden kann.
Auch finanziell kann eine gemeinsame Beschaffung Vorteile haben. Bei digitalen Produkten gibt es häufig Volumenlizenzen. Gleichzeitig könnte eine zentrale Organisation administrativen Aufwand reduzieren. Heute fehlen dafür allerdings teilweise noch die kantonalen Strukturen und Ressourcen.
Adaptivität soll einen pädagogischen Mehrwert bieten
Was müsste ein gutes digitales Lernprogramm aus deiner Sicht leisten?
Entscheidend ist, dass die Möglichkeiten des Digitalen tatsächlich pädagogisch sinnvoll genutzt werden. Ein PDF auf einem Bildschirm ist noch kein digitales Lernen.
Wir orientieren uns dabei unter anderem am SAMR-Modell: Es hilft uns zu unterscheiden, ob Technologie lediglich analoge Lernformen ersetzt oder einen tatsächlichen zusätzlichen pädagogischen Mehrwert ermöglicht.
Besonders interessant sind deshalb adaptive Systeme, die auf den Lernstand eines Kindes reagieren, Daten sinnvoll nutzen und den weiteren Lernprozess individuell steuern.
Gleichzeitig muss man digitale Lehrmittel vielleicht modularer denken. Nicht jedes Programm muss alles können. Es kann sinnvoller sein, einen bestimmten Lernbereich gezielt abzudecken und diesen dafür qualitativ sehr gut – vorausgesetzt, die verschiedenen Elemente lassen sich sinnvoll miteinander verbinden.
Warum habt ihr euch für Calcularis, Grafari und Schreiblabor von Constructor Tech entschieden?
Ein wichtiger Punkt war die Adaptivität. Viele Produkte bezeichnen sich heute als adaptiv, passen das Lernen aber nicht wirklich laufend und in Echtzeit individuell an.
Bei den Programmen von Constructor Tech steht der Lernprozess des einzelnen Kindes im Vordergrund. Hinzu kommen die multisensorischen Ansätze, die wissenschaftliche Fundierung sowie das Know-how, das über viele Jahre aufgebaut wurde. Calcularis beispielsweise ist in Schulen bereits seit längerer Zeit bekannt.
Für uns ist gerade diese Kombination interessant: Es geht nicht einfach darum, allen Kindern dieselben interaktiven Übungen anzubieten, sondern die Möglichkeiten digitaler Systeme tatsächlich für individuelles Lernen zu nutzen.
Dass wir für diesen Pilot kantonale Mittel einsetzen konnten, war zudem keineswegs selbstverständlich. Gerade in einer Zeit, in der zusätzliche Ausgaben sehr genau geprüft werden, musste das Projekt entsprechend begründet werden. Die Argumente für diesen Pilot haben überzeugt.
Im Pilot zählt der konkrete Einsatz im Unterricht
Bildschirmzeit an Schulen wird zunehmend kritisch diskutiert. Wie passt für dich ein digitales Lernprogramm in diese Diskussion?
Wir müssen hier differenzieren. Bildschirmzeit ist nicht gleich Bildschirmzeit.
Es macht einen Unterschied, ob ein Kind am Gerät konsumiert, spielt, einen Text schreibt oder mit einem digitalen Lernmedium gezielt arbeitet. Deshalb ist die pauschale Diskussion «Bildschirm ist gut oder schlecht» zu wenig differenziert.
Gerade deshalb sind digitale Lernmedien interessant, bei denen man untersuchen kann, ob tatsächlich Lernen stattfindet und Schülerinnen und Schüler individuell gefördert und weitergebracht werden.
Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen privaten und schulischen Geräten. In der Schule kann ein digitales Gerät bewusst als Arbeits- und Lerninstrument eingesetzt werden. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wie lange ein Bildschirm genutzt wird, sondern wofür und wie er genutzt wird.
Was möchtest du mit diesem Pilotprojekt konkret herausfinden?
Im ersten Schritt interessiert uns sehr, wie die Programme bei den Lehrpersonen sowie den Schülerinnen und Schülern ankommen und wie sie sich im Schulalltag bewähren.
Dabei geht es auch um die Frage, wie Kinder damit umgehen, wenn ein System ihren Lernfortschritt begleitet und den Lernprozess mitsteuert.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist das selbstorganisierte Lernen. Gerade in Lernlandschaften sehen wir, dass manche Schülerinnen und Schüler sehr selbstständig arbeiten können, während andere deutlich mehr Steuerung und Unterstützung benötigen. Hier ist interessant zu beobachten, welche Rolle adaptive Lernprogramme übernehmen können.
Entscheidend ist für uns letztlich die Frage: Steht bei einem digitalen System vor allem Monitoring und Kontrolle im Vordergrund – oder unterstützt es tatsächlich den Lernprozess und den individuellen Fortschritt des Kindes? Genau das möchten wir nun im praktischen Einsatz beobachten und von den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrpersonen lernen.
Ein Pilot soll den Lernprozess nicht unterbrechen
Ihr habt für den Pilot ein ungewöhnliches Format gewählt: Nach Kick-off, Zwischenreflexion und Evaluation können die Klassen die Programme bis Ende des folgenden Kalenderjahres weiterverwenden. Warum?
Ich habe selbst schon verschiedene Pilotprojekte erlebt, bei denen man am Ende dachte: Das war eigentlich sehr gut – aber genau dann war der Zugang zum Produkt beendet.
Das wollten wir vermeiden.
Wenn eine Klasse gute Erfahrungen mit einem Lernprogramm macht, sollte sie nicht mitten im Lernprozess aufhören müssen. Gleichzeitig funktionieren die Budgetprozesse der Gemeinden nicht von heute auf morgen. Eine Schule kann nicht einfach im August entscheiden, dass sie ab sofort zusätzliche Mittel für ein Programm benötigt, wenn diese nicht budgetiert sind.
Deshalb können die Klassen nach der eigentlichen Evaluationsphase nahtlos weiterarbeiten. Damit verhindern wir einen Unterbruch und geben den Schulen gleichzeitig genügend Zeit, bei positiven Erfahrungen die Finanzierung einer Weiterführung in ihren regulären Budgetprozess aufzunehmen.
Das erhöht aus unserer Sicht auch die Chance, dass aus einem erfolgreichen Pilotprojekt ein nachhaltiger Einsatz im Schulalltag entstehen kann.
Wann wäre dieser Pilot für dich persönlich erfolgreich?
Wenn am Ende eine Mehrheit der Beteiligten sagt: «Das war hilfreich, es hat uns etwas gebracht und wir würden gerne damit weiterarbeiten», dann wäre für mich ein wichtiges Ziel erreicht.
Gleichzeitig möchten wir als Kanton aus dem Pilot lernen: Was braucht es, wenn man solche digitalen Lernprogramme später breiter einsetzen möchte? Wie müssen Lehrpersonen bei der Einführung begleitet werden? Wo entstehen am Anfang Schwierigkeiten oder Hürden? Und was braucht es, damit die Programme tatsächlich nachhaltig im Unterricht ankommen?
Genau solche Erfahrungen können uns helfen, zukünftige Entscheidungen über digitale Lernmittel fundierter zu treffen.
Prüfen Sie ein Pilotprojekt für Ihre Schule
Sie möchten Calcularis, Grafari oder Schreiblabor in Ihrer Schule, Gemeinde oder Ihrem Kanton erproben? Sprechen Sie mit unserem Schulteam über ein mögliches Pilotprojekt.
